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Brief an Madamm: Über Bachstelzen und dergleichen Wichtigkeiten.

Immerfort klagen wir nach der Zeit, die über die Klinge Vergänglichkeit jagt, ohne Zeichen der Empathie unserer Verlustängste gegenüber. Nicht anders jetzt, strandfarbene Madamm. Wieder bin ich in Eile. Die Aufgaben hocken mir im Nacken und injizieren mir Nervosität in unangenehmer Dosis, da hilft auch das Rauchen nicht, über welches ich ohnehin schon zu viele Worte verbrochen habe. Ausser natürlich damals, als es um die Mentholzigaretten ging, die ich dir auf dem Parkplatz vor die Füsse legte. Ganz Madamm, ganz wild und wortlos.

Ein Jahr ist`s her nun. Rote Gedanken wolken auf, derweil ich manchmal den Kopf am Türrahmen ruhen lasse. Wie ein Gesicht unversehens die bekannten Worte zu schmücken begann, als wir uns gegenüber sassen, auf einmal rankte sich ein Lachen um die Sätze, wache und gleichzeitig verklärte Augen schelmten aus den Texten, die bis anhin ledigleich überaus geschätzt worden waren, aber noch nicht bewohnt: von dir, Madamm.

Ich will dir was erzählen. Ein Junge, so alt wie mein kleiner Bruder - welcher selbstverständlich schon längst grösser ist als ich, der aber nichtsdestotrotz stets mein kleiner bleiben wird - hat mir drei schreibmaschinen getippte Blätter gegeben, nachdem ich ihn erneut ermuntert hatte und ihm zudem versicherte, dass mein Unbehagen, welches ich gegenüber Thomas Manns Schriftstücken äusserte, nicht so gemeint gewesen war, wie er es aus dem Mund meiner imposanten Erscheinung eingeschüchtert verstanden hatte; ein kleiner blonder Junge, zu alt um Junge genannt zu werden, meinetwegen, aber seit ich seine Sätze gelesen habe, wird er dieses fast schon zärtlichen Attributs nicht mehr ledig werden. Eine Wortgewandtheit, die erfreulich ist im grauen Schwemmbecken eintöniger Tagebuchverzetteleien, viel aufbauender als erwartet strömten seine Sätze in die Ecke meines Befindens, die ich ganz grosszügig Örtlichkeit des Wohlbehagens nenne. Richtig gerührt von so viel Güte und Hoffnung war ich, die aus den Zeilen strömten. Noch sind die Sätze zwar eloquent, nicht aber begnadet mit diesem besagten Segen, der Gutes zu Blitzeinschlagendem macht. Der trifft und strahlt und bamm!, ins Innerste sticht, ohne dass man exakt begründen könnte, warum dem so ist. Über die Jungend schreibt er, verfasst Briefe an Schriftsteller und Kolumnisten, ohne diese marode Schüchternheit, die manch einen von uns in ihren Klauen hält, um ihn schlussendlich zum Frass der geierhaften Verschwendung vor deren hornhäutige Zehen hernieder zu schleudern. Nicht also eine Vollkommenheit rief meine Rührung hervor, sondern dieser kleine Mut, dieses Suchen und Versuchen an Sprache. Diese Wortklaubereien, die mir so wohlbekannt sind, das Üben und Nachahmen, und letzten Endes das den Sätzen versteckt immanente Verzweifeln an der Gewöhnlichkeit. Wie Bachstelzen durchwaten wir die Sümpfe des schon Gesagten und picken die Würmer auf, die dereinst den alten Kompost zu neuem Humus umwandeln sollen. Wir fressen sie hungernd, verleiben uns wohlverklungenes Instrumentarium ein, um irgendwann, so es denn sein soll, auszubrechen und eine eigene Musik zum Tönen zu bringen.

Bachstelze, das wäre ein Wort gewesen, Madamm. Ich liebe es nicht nur aus dem Grund, weil Henze die wunderbarste Bachmann in seinen Briefen oft so begrüsst hat: Meine liebe Bachstelze.

Ich packe meinen Hut, der auf den neuen aufregenden Fliessen liegt. Ein neuer Boden unter meinen Füssen, den ich unweit davon entfernt bin Zuhause zu nennen. Und, vorausgeahnt: bald wird es so sein. Der Spiegel ist noch nicht aufgehängt, aber er steht anschaulich schief auf meinem Tisch. Die Nägel stehen gut platziert daneben, aber wie anstrengend es ist, den Hammer in die Hand zu nehmen und die Nägel in die Wand zu kloppen. Viel lieber tippe ich Wort für Wort über eine seltsame Maschine, um am Ende zu denken: aha, ein Brief. Zwar ein stinkend Altmodischer, aber nun gut. Das Gefühl eines korrekt aufgehängten Spiegels wäre vielleicht auf Dauer befriedigender, was meinst du? Wenn er dann gerade hängt, genau richtig für Gesicht und Hintern und was man sich sonst noch so anschaut in dergleichen Selbstreflexionsgelegenheiten. Man kann sich auch ablichten, man kann den Hut schräg über die eine Augenbraue ziehen, kann sich im russischen Winkel aufstellen, damit die Wangenknochen ihre Behauptungen in den Raum protzen. Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich bestimmt zehn verschiedene Hüte besitze? Karierte und grüne und graue, solche mit Krempe und ander mit Schlaberdach oder diese Herrendinger, die mir ums Verrecken nicht stehen wollen? Dabei bin ich in jene am allermeisten verliebt. Haben wir schon einmal über die Wichtigkeit von Hüten gesprochen?

Ah. Ich muss aufhören. Merkst du, wie dringend ich aufhören muss? Stets kaue ich mir in solchen Momenten auf dem Daumen. Eine Angewohnheit, die mir in Kinderjahren Maulwurfszähne beschert hat. Heute ist dieses tierische Moment säuberlich aus meinem Gesichtchen wegkorrigiert, aber ich laufe allmählich Gefahr, wieder an äusserer Menschlichkeit einzubüssen. So denn:

Rot. In Erinnerung an einen Anfang.

Die Andere.

3.10.07 13:40
 


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